Muttertag einst und jetzt

 

Mehr Frieden, mehr Gleichheit,

weniger Blumen und Pralinen

 

 

Am 9. Mai ist wieder Muttertag. Jeder kennt ihn, jeder feiert ihn, doch nur die wenigsten wissen vom Europatag, der in diesem Jahr gleichfalls am 9. Mai begangen wird. Dabei verfolgen beide ähnliche Zielsetzungen. Mehr Frieden, mehr Gleichheit, mehr Gerechtigkeit, mehr Chancen für die Frau in der Gesellschaft, Werte, die zu den Grundrechten der Europäischen Union zählen.

 

Seit über 60 Jahren etwa trägt der ESF (Europäische Sozialfonds) maßgeblich und nachhaltig zur Verbesserung der Lage aller Frauen bei, sei es durch Mutterschutz, Fördermaßnahmen, Rechtsakte im Bereich Gleichbehandlung und Antidiskriminierung oder den kontinuierlichen Kampf gegen die Lohnschere. Besonders im Burgenland wurden und werden immense Mittel im Rahmen von Höherqualifizierungen und Beschäftigungsoffensiven aufgewendet, um Frauen vor Armut und einem unfreiwilligen Dasein als „Hausmütterchen“ zu schützen. Insofern hat sich schon sehr viel getan, vieles ist allerdings auch noch zu tun – im Interesse aller Frauen und Müttern.

 

„Müttern“ wurden ja seit jeher viel Ehre und noch mehr Blumen zuteil. So huldigte man im kleinasiatischen Raum bereits vor über 7000 Jahren der „Magna Mater“ Kybele, während die alten Griechen im Zuge blühender Frühlingsfeste die Fruchtbarkeitsgöttin Rhea feierten. Später, mit Aufkommen des Christentums, kam der „Mutterrolle“ eine beinahe noch größere Bedeutsamkeit zu. Fast 300 Mal werden „Mütter“ in der Bibel erwähnt. Ihnen oblag es, ihre Kinder, eine Gabe des Herrn, unter Schmerzen zu gebären sowie liebevoll und aufopfernd zu behüten. Dass Mütter auch Frauen - und nicht nur Gefäße der Empfängnis - waren, wurde kaum thematisiert. Stattdessen rückte nun auch „Mutter Kirche“ vermehrt in den Mittelpunkt des Familienlebens.

Heinrich III. etwa rief im 13. Jahrhundert einen „Mothering Day“ aus, um diese religiöse Institution gebührend zu ehren, scheiterte aber an der Profanität seiner Untertanen, die lieber Kuchen für ihre leiblichen Mütter backten. Und Napoleon, der 1806 gleichfalls die Etablierung eines Muttertags versuchte, gab dieses Unterfangen nach der Schlacht bei Waterloo ersatzlos auf.

 

1870 allerdings startete die amerikanische Frauenrechtlerin Julia Ward Howe einen neuen Versuch des „Muttertags“. Sie ließ die Mothers´ Day Proclamation verlautbaren, in der sich Howe explizit für Frieden, Freiheit und Gleichheit aussprach. Ein Gedanke, dem sich bald darauf auch die Feministin Anna Marie Jarvis aus West Virginia verschrieb. Jarvis gilt bis heute als offizielle Begründerin des Muttertages, obwohl die Kämpferin gegen jegliche Unterdrückung und Fremdbestimmung der Frau selbst gar keine Kinder hatte.

Mit ihren fortschrittlichen Ansichten trat die Aktivistin ganz in die Fußstapfen ihrer Mutter Ann Maria Reeves Jarvis, die bereits im Jahre 1858 eine Vereinigung namens „Mother´s Days Work Club“ gegründet hatte, um der hohen Kindersterblichkeit Einhalt zu gebieten und die Gesundheit in Familien zu fördern. Während des amerikanischen Bürgerkriegs hatte Jarvis´ engagierte Mutter schon Mother´s Friendship Days organisiert, um den Verwundeten zu helfen und um für zukünftigen und andauernden Frieden einzutreten. Soziale Gerechtigkeit statt mörderischem Gemetzel, lautete die Devise. Als Ann Jarvis am 9. Mai 1905 stirbt, führt ihre Tochter das mütterliche Friedenswerk weiter. Am zweiten Sonntag im Mai 1908 hielt sie einen Gedenkgottesdienst ab, der alle Mütter und deren Werk würdigen sollte, wobei es ihr aber nicht um edle Einfalt, viele Kinder und lebenslanger Opferbereitschaft ging, sondern um eine Würdigung der sozialen und politischen Bedeutung von Frauen in der Gesellschaft.

 

Sechs Jahre später, im Mai 1914, sah es sogar danach aus, als würde Jarvis´ Bestreben endlich von Erfolg gekrönt: Präsident Wilson rief den Muttertag zum nationalen Feiertag aus. Gemeinsam mit dem ersten Weltkrieg erreichte dieser bald darauf Internationalität. Die Erinnerung an eine Initiative für Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung geriet allerdings rasch in Vergessenheit. Als Deutschland 1923 den „Muttertag“ offiziell einführte, geschah das auf Drängen des Verbands Deutscher Blumengeschäftsinhaber. Die Kommerzialisierung der einst pazifistischen und emanzipatorischen Idee, gegen die Ann Jarvis ihr ganzes restliches Leben vergeblich ankämpfte, begann.

Doch weil schlimmer immer ging, missbrauchte auch der Nationalsozialismus den Muttertag für seine Zwecke. Schon 1927 proklamierte die Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundheit, dass die Frau an des Mannes Herd gehöre und Mutter seiner Kinderschar sei. Als Dank für ihr ausnahmslos eheliches und gebärendes Werk bekamen sie nun nicht nur Blumen, sondern wenig später auch das Mutterverdienstkreuz verliehen.

 

Am Muttertag 1939 etwa wurde drei Millionen Frauen das "Ehrenkreuz der deutschen Mutter" verliehen - eine Medaille für besondere Gebärleistungen, denn die Berufung des Weibes lag - dem Nationalsozialismus zufolge - allein im Kochen und Kinder kriegen.
Nach dem Krieg wurde der ideologisch verfälschte Muttertag dann zwar kurzfristig abgeschafft, aber - im Interesse des Kommerzes – auch bald wieder eingeführt. Dass ursprünglich ausgerechnet die Pionierin der heimischen Frauenbewegung, Marianne Hainisch, diesen Tag in Österreich bekannt gemacht hatte, spielt aber längst keine Rolle mehr. Heute zählt nur noch der Blumenstrauß.

Text: Klaudia Blasl

Sujet: Kommunikation Burgenland